Das Onlineklassenzimmer

50hz nimmt im Beitrag "Wer erklärt unseren Kindern das Internet?"  die Auseinandersetzung des Payback-Autors und Mitherausgebers der FAZ Frank Schirrmacher und die Replik von Sascha Lobo zum Anlass, Kritik an den Internetkompetenzen von Lehrern zu üben. Sascha Lobo und Michael Praetorius , ähnlich Benedikt Köhler und Michael Reuter, heben den revolutionären Charakter und den praktischen Nutzen des Internet für Beruf und Alltag hervor und üben scharfe Kritik an Schirmachers Versuch, der Debatte um die technologische Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die digitale Gesellschaft den Stempel von Ablehnung und Resignation aufzudrücken. Schirrmacher wendet sich gegen die Gleichzeitigkeit und Multitasking und vertritt die Auffassung, dass wir Menschen das überhaupt nicht können. Die explosive Verbreitung von Smartphones sei eine große Überforderung für uns. Klar, dass ich mich auf der Seite der Kritiker, weil das Netz in meinen Augen alle zuvor erfundenen Medien einschließt, kombiniert und weiterführt und ich Netzkompetenz als Medienkompetenz schlechthin erachte. Weil 50hz sich besonders der Problematik von Schulen und Lehrern zugewandt hat, möchte ich das in diesem Beitrag auch tun. Die Zukunft der Schule sehe ich im Onlineklassenzimmer.

Warum? Wir sind als Erwachsene verantwortlich, dass den Kindern und Jugendlichen der Weg ein digitales Zeitalter geebnet wird, dessen Anfänge wir jetzt gerade erst sehen und erleben. Medienkompetenzen, wie die heutigen Kinder in ihrem Erwachsenenleben benötigen, reichen weit über die ihrer Eltern, Lehrer und der heutigen Netzbürger hinaus. Das bedeutet, dass Schulen, Eltern und Lehrer in besonderer Weise gefordert sind, aber ihr Engagement allein eben nicht genügt. Alle, die als Netzbürger zurechtgefunden haben, gleich welchen Berufs, können dazu etwas Wertvolles beitragen – den Kindern und Jugendlichen den Weg ins Netz zu ebnen, die Schulen, Lehrer und Eltern auf dem Weg zu unterstützen, hochwertigen Content publizieren.

[All das reicht nicht, ohne dass Content aus illegalen Handlungen (wie z.B. Missbrauch) entfernt wird. Herrschaaren von Ermittlern und Juristen auf der Suche nach illegalen Inhalten gibt es schon. Sie brauchen die richtigen gesetzlichen Rahmenbedingungen, damit das Schlimmste aus dem Netz gelöscht und die Täter dingfest gemacht werden können. Aber das ist Thema für andere Gelegenheiten.] 

Was beinhaltet Medienkompetenz im digitalen Zeitalter?

Medienkompetenz im Netzzeitalter beinhaltet:

  • dass wir lernen, Nachrichteninhalte aus dem Web mit geeigneten Suchstrategien aufzufinden und Nachrichteninhalte aus einer Vielzahl von Quellen verarbeiten lernen. Klar ist da eine Überforderung, allerdings eine wünschenswerte Überforderung. Die Zudem es gibt geeignete technische Hilfsmittel wie z.B. Feedreader und Memetracker.
  • dass wir vom passiven Zuschauer, Zuhörer und Besucher hin zum Autor, Gestalter, Programmierer wechseln, der gestalterisch an der Entwicklung des Internet mitwirkt. Schon die Vorstellung, man sei ein passives Publikum, das Inhalte liest, beurteilt und gegebenenfalls mit einem kritischen Leserbrief beantwortet, wird dem Internet nicht gerecht, denn mit dem Netz entfällt die Gatekeeperfunktion von Redaktionen und Verlagen. Aktive Internetbenutzung bedeutet: Man nimmt mit einer gewissen Regelmäßigkeit und in einer strukturierten Form Informationen aus einer Vielzahl von Nachrichtenquellen auf.
  • dass man selbst Medieninhalte publiziert. Das bedeutet, mal einen Tagungsbericht zu schreiben, mal ein Video zu drehen, bei anderer Gelegenheit einen Audiobeitrag oder ein Foto-Album zu publizieren, sich mit Freunden und Kollegen auf Social Networking Plattformen zu vernetzen. Selbstverständlich kann nicht jeder alles auf demselben technischen Niveau tun, aber das ist auch gar nicht nötig. Viel wichtiger als rein technische Fähigkeiten (z.B. Programmierkenntnisse, Kameraführung) sind in meinen Augen Ausdrucksfähigkeiten wie Sprache und Schrift. Zunehmend wichtig werden Grundkenntnisse von Internetrecht und Internetpolitik, z.B. das Wissen darum, dass der Urheber beim Publizieren mit einer Creative Commons Lizenz nur auf ausgewählte Nutzungsrechte verzichtet, und dass eine GNU-Lizenz für freie Dokumentation verwendet wird, um Inhalte öffentlich bereit zu halten und vor Aneignung durch Privat zu schützen. Man muss zudem Vorstellung bekommen von rechtlichen Rahmenbedingungen des Internet und von den Governance-Ideen, mit denen Politiker versuchen, steuernd für „Recht und  Ordnung“ zu sorgen.
  • dass das Netz als kollaboratives Projekt ist, in dem wir als Prodnutzer kollaborativ und heterarchisch zusammenwirken wie im Beispiel Open Source bei Software und Open Access in der Wissenschaft. Die Produktion hochwertigen Contents beruht auf der Bereitschaft vieler Einzelner und Institutionen. Sie organisieren sich, sie arbeiten in ihrer Freizeit und sie fügen dem Netz etwas Schönes oder Nützliches hinzu, z.B. Wissenschaft, Unterhaltung, Musik und Kunst, Sport, Softwaretools usw. Wer sich über ein Netz beschwert, in dem hässliche Inhalte auffindbar sind, muss sich fragen lassen, was er selbst Positives beiträgt. 
  • dass man das Netz in seine vielfältigen der Arbeits- und Alltagsvollzüge integriert, z.B. indem man von mobilen Endgeräten wie z.B. Netbooks und Mobiltelefone mitnimmt; Datenaustausch zwischen dem Rechner und dem Mobiltelefon betreibt. Mit der aktuellen Entwicklung wohnt das Netz nicht länger nur in einem laut brummenden Rechner, es kommt überall mit. Welche Möglichkeiten das bietet, wie das den Alltag verändert, muss man ausprobieren; wer diffus über Missbrauchspotenzialen und Überforderung philosophiert ohne sich auf die Möglichkeiten einzulassen, spricht in meinen Augen wie die Jungfrau vom Kind. Selbstverständlich gehört zur Einbeziehung des Internet in das Arbeits- und Alltagsleben auch Grenzen zu setzen und zum Schutz der eigenen Privatsphäre bestimmte Bereiche des eigenen Lebens aus dem digitalen Datenverkehr auszuklammern.
  • dass wir Grenzen setzen. Nicht jeder muss Zugang zu jeder beliebigen Information bekommen. Nicht jede Nachricht muss unmittelbar beantwortet werden. Nicht alle Accounts müssen zusammengeschaltet werden, bloß weil das technisch möglich oder auch praktisch ist. Wenn in Arbeitsbeziehungen Erwartungen an die Erreichbarkeit von Mitarbeitern ins Kraut schießen, können wir reagieren, indem wir die Aufgaben trotzdem nacheinander bearbeiten und Geräte auch mal abschalten.
  • dass wir umgekehrt Vertrauen ins Internet entwickeln. Vertrauen hat etwas mit positiven Erwartungen zu tun. Wer aus dem Internet nur Schädigung erwartet, muss sich fragen lassen, weshalb dann dorthin begibt. Vertrauen ist nicht eine Entscheidung, die der Einzelne kurz mit "Ja" oder "Nein" erledigen kann. Am Beginn einer Onlinebiografie kann man naiv sein („Ich publiziere alles von mir“) oder paranoid („Im Internet wolle einem alle etwas Böses. Wenn ich auf Twitter meinen Urlaubsort bekannt gebe, bricht jemand in meine Wohnung ein“). Beide Zugangsweisen sind problematisch, denn mit Naivität bringt man sich in Gefahr, und mit Misstrauen und Skepsis schließt man sich selbst von der Teilhabe am sozialen Leben im Netz aus. Ohne Nutzungserfahrung, ohne Reflexion guter und schlechter Erfahrungen, ohne Informationsaustausch mit anderen ist es abwegig, von Vertrauen zu sprechen. Der Netznutzer kann Vertrauen nur langsam entwickeln, indem er schrittweise vortastet, Erfahrung sammelt, Erfahrung reflektiert und daraus in die Zukunft gerichtete positive Erwartungen entwickelt. Wer mit der Erwartung einer Schädigung ins Internet geht, hat keine Chance, Vertrauen ins Internet zu entwickeln. Das entscheidende Element ist Sprung des Glaubens, also eine Projektion in die Zukunft, als ob eine kritische Situation bereits zu ihrer positiven Auflösung gekommen wäre. Nur dieser Glaubenssprung ermöglicht, dass das Internet langfristig – getragen von den Hoffnung sehr viele Akteure, die seine Entwicklung aktiv vorantreiben – das vertrauenswürdige Netz entstehen lässt, das wir uns wünschen.
  • Medienkompetenz lernt man nur in der Praxis. Vorlesungen und Seminare können auf dem Weg unterstützen, aber eine Onlinebiografie ersetzen sie nicht. Es macht einen Unterschied, ob man Social Media in den Alltag einbezieht oder ob man sagt „Ich habe eine Homepage“. Lehrer brauchen ein Umfeld im Netz, das sie willkommen heißt und bei ihren Fragen unterstützt.

Technisch betrachtet ist es simpel, ist Weblog anzulegen, in der Wikipedia mitzuschreiben, sich auf Twitter und Facebook mit Freunden und Kollegen zu vernetzen, einen Google-Account mit Kalender und Feedreader anzulegen, eine Linksammlung zu führen, das Internet auf dem Mobiltelefon zu nutzen usw. usf. Aber Medienkompetenz im digitalen Zeitalter stellt völlig neue Herausforderungen für die persönliche Identität. Gewiss bestand Gesellschaft schon immer aus Kommunikation. Selbstverständlich hatten wir wie schon die letzten Hundert Jahre vor dem Internet eine Vielzahl von sozialen Rollen und Funktionen inne. Georg Simmel hat seinen berühmten Aufsatz über die Kreuzung sozialer Kreise knapp 100 Jahre vor Verbreitung des World Wide Web geschrieben. George Herbert Mead suchte in „Geist, Identität und Gesellschaft“ Entstehung und Entwicklung persönlicher Identität in der Sozialisation. Das kindliche Spiel – das Play (isoliertes Spiel) und das Game (das soziale Spiel mit festen Regeln, der sportliche Wettbewerb) – markieren Entwicklungsstufen des Kindes hin zu einer sozial integierten Persönlichkeit, die individuelle Impulse und soziale Erwartungen miteinander zu verknüpft, sich mit mittels Sprache verständigt. Erving Goffman verdanken wir die Erkenntnis, dass wir in Beruf und Alltag soziale Rollen spielen, uns inszenieren, das Bild, das sich andere von uns machen, bewusst strategisch gestalten. Goffman lehrt, dass Akteure den Rahmen (Situation als Strukturvoraussetzung für das Handeln der Akteure) mit erheblichem Aufwand und teils großer Raffinesse strategisch gestalten, indem sie Situationen verschachteln (Modulation) oder indem sie Interaktionspartner täuschen.

Nichts von alldem hätten wir zuvor nicht auch schon gemacht. Doch verwenden wir jetzt dazu einen neuen Werkzeugkasten, der bewirkt, dass unser Tun in demselben Moment von jedem beliebigen Ort aus für einen bestimmten Personenkreis oder für die Öffentlichkeit sichtbar ist. Die Vermehrung Beschleunigung, Verdichtung und globalen Reichweite der Kommunikation hat mit dem Social Web eine neue Entwicklungsstufe erreicht. Der Webspace wird zur Bühne für die Gestaltung der persönlichen Identität schlechthin; dort läuft ein Großteil der Kontakte und Aktivitäten zusammen. Strategische Aspekte der Selbstinszenierung immer schon Selbstdarstellung gehört: Idealisierung, Betrug, Lüge sind keine Erfindungen des Internetzeitalters. Neu sind Profilseiten, Kontakte, Texte, Fotos, Videos, Podcasts, Musik, Tweets, Programmcode usf. als Werkzeuge für eine konsistente Selbstdarstellung. Mehr und mehr sind unsere professionellen Aktivitäten und das alltägliche Miteinander mit dem Netz verwoben. Die Trennung zwischen dem Realen und dem Virtuellen verschwindet, je mehr Verknüpfungen wir selbst herstellen und je mehr das Internet auf mobile Endgeräte kommt. Je mehr wir die Professionalisierung der Online-Identität vorantreiben, desto stärker tritt ins Bewusstsein, dass jede Einzelhandlung im Online-Leben Entsprechungen in Beruf und Alltag hat.

Die Kids üben die Verwendung des neuen Werkzeugkasten spielerisch ein, wenn sie online gehen. Dabei dürfen wir sie nicht allein lassen. Wir müssen den Werkzeugkasten selbst verwenden, die richten Fragen zu stellen, Missbrauchspotenziale zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten. Wir müssen Kindern und Jugendlichen für diese Schritte besondere Schutzräume einrichten und diese Schutzräume speziell beaufsichtigt haben, damit sie sich online ebenso kindgerecht entfalten können wie in der Schule, im Elternhaus oder auf dem Spielplatz, wo wir sie ja auch nicht allein lassen (sollten).

Wie können wir Lehrern und Schulen den Weg ins digitale Zeitalter ebnen?

In einem ersten Schritt braucht man, glaube ich, einen Social Media Guide mit Empfehlungen zum Einstieg zum Selberbasteln. Kein dickes Lehrbuch mit Rezeptwissen, keine aufwendigen Schulungen, keine großen Geldbeträge, aber Laptop, Kamera, Videogerät oder Mikrofon, viel Zeit und die Bereitschaft, sich auf eine neue Erfahrung einzulassen. Die Lehrer brauchen Freiräume, um selbst ein Weblog anzulegen, sich auf Twitter und Facebook zu vernetzen, mit Google zu experimentieren, eine Linksammlung anzulegen, das Internet mobil zu nutzen. Dann werden feststellen, dass ihnen niemand sagt, was wichtig und was unwichtig ist. Wer nicht selbst ein Projekt oder eine Leitidee definiert, kann keine Kriterien für Relevanz entwickeln. Wer sich nicht Prioritäten setzt, sich selbst einen klaren Auftrag gibt, kann nichts Sinnvolles mit dem Werkzeugkasten anfangen. Wer sich auf eine Onlinebiografie einlässt, wird nach kurzer Zeit beginnen, seine sozialen Rollen zu reflektieren – Veränderung nicht ausgeschlossen.

Mittelfristig geht die Entwicklung aber weiter, denn das Internet muss im Interesse der Kinder in den Schulunterricht einbezogen werden. Der Lehrer darf nicht an institutionellen Widerständen von Schulen und Verwaltungen aufgerieben werden, wenn er sich um Veränderung bemüht. Daher müssen Lehrer vielfältige Möglichkeiten bekommen, gemeinsam mit Kollegen ihre Onlineerfahrungen zu reflektieren. Damit die erworbenen Medienkompetenzen für Kinder in allen Altersgruppen nutzbar gemacht werden können, muss es spezielle Tagungen geben. Experten aus anderen Berufsgruppen (z.B. Psychologen, Soziologen, Medienmacher, Juristen, Entwickler, Designer) dabei unterstützend mithelfen. Langfristig folgen noch größere Veränderungen in der Schule: Medienkompetenzen gehören in die Lehrpläne, WLAN, Beamer und digitale Tafel ins Klassenzimmer, und der Highspeed-Zugang zum Netz im Schulgebäude für jeden Schüler auf dem Netbook oder Smartphone muss eine Selbstverständlichkeit werden – zusätzlich zu den analogen Lehrmitteln. Der Ruf nach neuen Lehrern allein führt nicht zur Aufwertung der Medienkompetenz an den Schulen; am Ende erhoffen wir uns ja besonders von den Lehrern, dass sie Wandel der Schule für mehr Medienkompetenz voranzutreiben. Im Interesse der Kinder brauchen sie dafür Unterstützung von allen Netzbürgern, und jeder kann dazu etwas beitragen.